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Transkulturalität - Geschichte

(nach Prof. Wolfgang Welsch)

Transkulturalität ist historisch keineswegs völlig neu. Sie war geschichtlich vielmehr geradezu die Regel - ganz anders, als die vorgeblich historisch argumentierenden Anhänger des traditionellen Kulturkonzepts meinen, welche die Transkulturalität von Jahrhunderten übersehen, um stattdessen die erst mit dem 19. Jahrhundert aufgekommene Fiktion homogener Nationalkulturen für verbindlich zu erklären.

Nehmen Sie, welche Kultur immer Sie wollen, als Beispiel - ihre eigene oder etwa die japanische Kultur: es wäre offenbar unmöglich, diese ohne die Berücksichtigung chinesischer, koreanischer, indischer, hellenistischer und moderner europäischer Kultur zu rekonstruieren.

Carl Zuckmayer hat die geschichtliche Transkulturalität in „Des Teufels General“ einmal wundervoll beschrieben:

"[...] stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor - seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. - Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flößer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsass, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant - das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt - und - und der Goethe, der kam aus demselben Topf und der Beethoven, und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und - ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt - wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen."

Für jemanden, der die europäische Geschichte - und im besonderen die Kunstgeschichte Europas - kennt, ist diese historische Transkulturalität ohnehin evident. Die Stile waren länder- und nationenübergreifend, und viele Künstler haben ihre besten Werke fern von der Heimat geschaffen. Die Kultur war europäisch und bildete ein die Staaten verbindendes Netz.

Edward Saids Feststellung trifft generell auf alle Kulturen zu: "Alle Kulturen sind hybrid; keine ist rein; keine ist identisch mit einem ‚reinen’ Volk; keine besteht aus einem homogenen Gewebe." Edward W. Said: "Kultur und Identität - Europas Selbstfindung aus der Einverleibung der Welt", Lettre International 34 (1998), S. 21-25, hier S. 24

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